Der Wettbewerb
34 Modelle für ein neues Zuhause
Die beteiligten Architekten sollten sich auf die Suche nach dem Haus der Gegenwart begeben, um einfache Antworten auf schwierige Fragen zu bekommen: Muss innovative Architektur immer teuer sein? Wer wohnt heutzutage in einem Wohnhaus für vier Personen? Eine Familie? Was macht dieser Tage eine Familie aus? Und wieso eigentlich glauben wir, dass ausgerechnet ein solides Einfamilienhaus unsere Gegenwart symbolisiert? Wie muss solch ein Haus der Moderne beschaffen sein? Aus welchen Materialien? In welchen Formen? In welcher Farbe? Die Antworten, die wir bekamen, und die Diskussionen der Jury über die eingereichten Arbeiten bestätigten unsere Vermutung, dass Architektur und öffentliche Wahrnehmung des Wohnens das beste Recherchematerial liefern für eine glaubwürdige Beschreibung der Gegenwart.
Eine internationale Jury suchte unter 34 eingereichten Modellen das Haus der Gegenwart und prämierte die Sieger. Wir baten in die Jury: Peter Conradi (Präsident der Bundesarchitektenkammer, Berlin), Terence Riley (Chefkurator für Architektur und Design im Museum of Modern Art, New York), Kristin Feireiss, (Aedes Architekturgalerie, Berlin), Shigeru Ban (Architekt, Japan), Jil Sander (Modeschöpferin und Kunstsammlerin, Hamburg), Jo Coenen (Architekt, Rotterdam), Bazon Brock (Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung, Universität Wuppertal), Matteo Thun (Designer und Architekt, Mailand), Gerhard Matzig (Architekturkritiker der Süddeutschen Zeitung) und Dominik Wichmann (Chefredakteur SZ-Magazin).
Die Jury prämierte jene Entwürfe, deren Erbauer versucht haben, neuen Herausforderungen gerecht zu werden. Bemerkenswert dabei war nicht nur die Bereitschaft, mit neuen Materialien zu arbeiten, sondern auch der Drang nach neuen Formen. In der Tat sehen wir bei einigen Modellen die Anfänge einer Ästhetik des biotechnischen Zeitalters.
Die Siegermodelle:
1. Preis: Cast House – André Poitiers, Hamburg
“Ein Haus muss frisch und optimistisch sein und mich emotional ansprechen.” Hamburger Schuhkarton? Schraubenlager? Bienenwaben? Ein wenig ratlos standen die Juroren um das Modell Cast House des Hamburger Architekturbüros André Poitiers. War es die grüne Farbe? Oder die glatte Perfektion des Modells? Vielleicht war es aber auch das Wort “Ice Cubes”, das die Architekten selbst über ihren Erläuterungsplan gestellt hatten, das die Gruppe so sehr anregte, spaltete und dann doch wieder zusammenbrachte? “Es ist das einzige frische und innovative Modell, das nicht nur meinen Verstand anspricht, sondern auch mein Herz berührt”, sagte Jil Sander. Die Modeschöpferin hatte sich bereits beim ersten Rundgang der Jury für das Cast House entschieden. Auch Terence Riley, Chefkurator für Architektur und Design am New Yorker Museum of Modern Art, war sich sicher: “Cast House ist gegenwärtig und sehr aktuell, wenn man es mit neuen, zeitgemäßen Materialien baut, die auch in Zukunft Bestand haben.” Doch wie viel Zukunft verträgt ein Haus, das sich Haus der Gegenwart nennt und nicht nur Vision sein darf, sondern baubar sein muss? An diesem Punkt waren sich die Juroren einig: Die Baustoffe und Technologien, die das Siegermodell erfordert, gibt es schon. Sie müssen nur auch für den Hausbau genutzt werden. Cast House, so der Architekt und Juryvorsitzende Jo Coenen aus Maastricht, lässt die häufig ein wenig bespöttelte Idee vom Fertighaus wieder aufleben. Es zeigt, dass sich ein vorgefertigtes Haus im Jahr 2001 – mit den Menschen, die in ihm leben – ständig wandeln kann. Die Bewohner des Cast House wählen selbst Größe und Anzahl der Räume sowie ihre Bestimmung und Anordnung. Jeder entscheidet für sich, ob das Bad größer sein darf als die Küche. Und natürlich müssen nicht alle Zimmer grün gestrichen sein.

2. Preis: SZ, SZ. Schöne Zeiten, Schlechte Zeiten! – Allmann, Sattler, Wappner Architekten, München
Für Architekten ist dieser Titel eine eher ungewöhnliche Beschreibung eines Projekts. Das Münchner Büro Allmann, Sattler, Wappner hatte die Anfangsbuchstaben aus der Wettbewerbseinladung vom SZ-Magazin genommen und ein Spiel daraus gemacht.
Wie sehen sie aus, die schönen Zeiten, die dieses Haus verspricht? “Die schönen Zeiten”, schwärmte Terence Riley, “bieten mir Privatheit und Intimität. Das Haus als wirkliches Zuhause.” Und lächelnd lieferte er noch einen Nachschlag: “The Un-Private House” – eine Anspielung auf den gleichnamigen Titel seiner Ausstellung im Museum of Modern Art vor zwei Jahren, in der es um das Private beziehungsweise Nicht-Private von Einfamilienhäusern ging.
Jurymitglied Shigeru Ban stellte damals sein berühmtes Curtain House vor. Dass Riley und Ban jetzt über ein Privathaus zu entscheiden hatten, amüsierte beide. Wie viel Privatheit braucht also ein Haus für vier Personen? Die Hecke im Entwurf von Allmann, Sattler, Wappner blendet die Welt – die schlechten Zeiten? – aus. Die Bewohner genießen größtmögliche Privatsphäre sowohl nach außen als auch innerhalb ihres Hauses. Jeder hat sein eigenes Zimmer, sogar mit einem separaten Eingang. Die Räume sind flexibel aufteilbar. Von den Zimmern blickt man entweder zum Himmel oder in einen kleinen Privatgarten.
“Mutig und seriös”, befand der Präsident der Bundesarchitektenkammer Peter Conradi. Ihm gefiel am Entwurf die frei schwebende, so genannte Kollektivbox, die von allen Bewohnern als Gemeinschafts- oder Wohnraum genutzt werden kann. Punkte machte der Entwurf bei allen Juroren, weil er die Mobilität der Bewohner befürwortet, dem Haus selbst aber einen festen Ort zuweist. Denn mobile Häuser, die man mitnimmt, wenn man umzieht, sind Vergangenheit, so die einstimmige Meinung der Jury.

3. Preis: Box – Ortner & Ortner, Wien
“Architektur heißt nicht bauen, sondern gestalten mit Licht und Schatten.” “Box”, so nannte sich doch schon mal ein Haus. Das Wiener Büro der Architekten Ortner & Ortner zitiert Architekturgeschichte. Tatsächlich erinnert der Entwurf von außen betrachtet an Mies van der Rohes berühmten “Zuckerwürfel”. Die Gewinner des dritten Preises vereinen in ihrem Haus der Gegenwart Einfachheit mit Luxus und Glamour. Nach außen gibt sich das Gebäude ruhig und unaufgeregt. In seinem Inneren schaffen Treppen, Terrassen, freie Flächen und Pergolen eine luftige Atmosphäre. Shigeru Ban war sofort von dem Modell überzeugt, weil es seiner Vorstellung von Architektur sehr nahe kommt: “Licht und Schatten definieren vom Innenhof her die Räume dieses Hauses. Erst dadurch bekommen sie Gestalt. Wenn ich Architektur sage, geht es mir nicht um das Bauen, sondern darum, mit diesen beiden Elementen Räume zu schaffen.” Die Verschlossenheit des Hauses sei nur eine vermeintliche, denn sobald man den Innenhof betrete, “öffnet sich der Himmel”. Dennoch gab es Vorbehalte unter den Juroren: Zu introvertiert, zu neutral sei das Modell, das außen aus Betonstein und Putz, innen aus einer Holzschatulle besteht. Und wo könnte die Box überhaupt stehen? Die Antwort haben die Architekten gleich mitgeliefert. Ihr Haus soll autonom, persönlich und stadtfähig sein. Deshalb schlagen sie eine veränderbare Außenhaut vor, so dass sich die Box überall elegant integrieren lässt. Je nachdem, ob sie in Berlin, Paris oder Wien gebaut wird, kann ihre Fassade den ortsüblichen Bautraditionen oder der unmittelbaren Nachbarschaft angepasst werden. Wenn die Bewohner Wert auf Extravaganz legen, können sie die Fassade in jedem beliebigen Stil ausführen lassen. “Steckt da was drin?” Diese während der Jurysitzung oft wiederholte Frage wurde bei dem Entwurf des Architekturbüros Ortner & Ortner einstimmig mit Ja beantwortet.

die teilnehmenden Architekten:
Alsop Architects (London), Anderhalten Architekten (Berlin), Barkow Leibinger Architekten (Berlin), Thomas Baumann (Berlin), Titus Bernhard Architekten (Augsburg), Beyer + Schubert Architekten (Berlin), Drost + van Veen Architects (Rotterdam), Entasis Architects (Rotterdam), Exilhäuser Architekten (Kopenhagen), Exilhäuser Architekten (Paffing) Graft (Berlin), Hild & K. Architekten (München), Kahlfeld Architekten (Berlin), LANGHOF (Berlin), Lauber Architekten (München), Steffen Lehmann Architekten (Berlin), Sören Robert Lund Architekter (Kopenhagen), Justus J. Matthias (Kleinmachnow), Meck Architekten (München), Florian Nagler Architekten (München), Netzwerk-Architekten (Darmstadt), Ochs Architekten (Darmstadt), Eric Pannetier (Paris), Anton Markus Pasing (Münster), Pauhof Architekten (Wien), Gustav Peichl (Wien), Popp.Planungen (Berlin), RCR Aranda Pigem Vialta Architects (Olot), Sandell Sandberg AB (Stockholm), Fred-Jürgen Störmer (Wesel), TEC PMC (Los Angeles), Tonkin Architects (London)




